Zum Umgang mit Leiden

Christlich-buddhistische Begegnung in der Benediktinerabtei K├Ânigsm├╝nster

Wie betrachtet man Leid, wie geht man damit um, wie kann man es nutzen, ihm einen Sinn geben? Ganz unterschiedliche Betrachtungen und doch auch Gemeinsamkeiten kann man aus christlicher und buddhistischer Perspektive finden. In den pers├Ânlichen Erkl├Ąrungen zu ausgew├Ąhlten kurzen Texten aus der jeweils eigenen Tradition tritt eine Vielfalt an Erfahrungen im Umgang mit Leid zu Tage, die anregende Gespr├Ąche initiieren. Mehrere gemeinsame Meditationen am Tag gaben der Begegnung Ruhe und Struktur und st├Ąrkten die F├Ąhigkeit sich neuen Gesichtspunkten zu ├Âffnen.

Im Christentum wird das Leiden h├Ąufig mit dem Martyrium Christi in Verbindung gebracht, dem der Einzelne, indem er “sein Kreuz” auf sich nimmt, nachfolgt. Dabei stellt auftretendes Leiden eine Art Pr├╝fung dar, die man mit Geduld ertr├Ągt und die letztendlich dazu beitr├Ągt, in der Nachfolge Christi erl├Âst zu werden.

Sehr interessant ist der erste Teil des Satzes aus dem Matth├Ąus-Evangelium: “Wer mein J├╝nger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.” Was ist mit “verleugne sich selbst” gemeint? Ein Buddhist k├Ânnte hier schnell interpretieren, das man die falsche Vorstellung von seinem Selbst aufgeben soll. Das ist hier aber wohl nicht gemeint, es geht eher darum, seine Vorstellungen, Gewohnheiten usw. ├╝ber Bord zu werden, um offen daf├╝r zu sein, Jesus nachzufolgen und von seinem Geist durchdrungen zu werden.

Es gibt aber auch andere Ans├Ątze, die durch den Glauben an Gott und die Hoffnung auf ein ewiges Leben nach dem Tod Raum schaffen, auftretendes Leiden zu akzeptieren und in bestm├Âglicher Weise nach L├Âsung f├╝r dessen Verringerung zu suchen und entsprechend im Sinne Christi zu handeln.

Auf buddhistischer Seite hatte die Beitr├Ąge eine gro├če Bandbreite. So ist die Zugeh├Ârigkeit eigener Handlungen innerhalb des Prinzips von Ursache und Resultat eine M├Âglichkeit, Leid zu akzeptieren, da wir letztlich durch unsere unheilsamen Handlungen auch unsere Erfahrungen von Leid selbst schaffen. Dar├╝ber hinaus kann Leiden auch nutzbringend transformiert werden, indem wir unser Leiden in einen gr├Â├čeren Zusammenhang sehen. Hierf├╝r ist z.B. die Praxis des Tonglen eine gute ├ťbung, in der wir unser Leid stellvertretend f├╝r das Leid aller Wesen betrachten und mit Freude auf uns nehmen. Im Gegenzug schenken wir unser Wohlergehen und unser Gl├╝ck den anderen.

Man kann sich aber auch den Prozess der Entstehung von Leid in uns als Person aus K├Ârper und Geist vor Augen f├╝hren. Durch die Sinnesquellen entstehen in uns Empfindungen. Die mit Unwissenheit verbundene Unterscheidung und Bewertung der Empfindungen aufgrund von Erfahrungen in angenehm oder unangenehm f├╝hrt zu Gl├╝ck oder Leid. Hieraus entsteht meist Begierde oder Anhaftung an die vermeintlich angenehmen Empfindungen und Hass oder Ablehnung gegen├╝ber den unangenehmen Empfindungen. Durch die Schulung des Geistes in Achtsamkeit und Weisheit kann man erreichen, dass die subjektive Beurteilung von Empfindungen aufgegeben wird. Man ist sich der leeren Natur der Empfindungen und der gesamten Person an sich bewusst. So gibt es letztlich kein inh├Ąrentes Ich mehr, das leidet.

Die Erfahrung von der Aufhebung leidvoller Empfindungen wird z.B. in buddhistischen Kl├Âstern Myanmars durch Meditation erlangt. Dabei werden k├Ârperliche Schmerzen mit dem Geist untersucht und in kleine Teile zerlegt, so dass sie ihre vermeintlich massive Kraft verlieren. So kann man besser mit ihnen umgehen. Wenn wir uns nicht mit dem Schmerz identifizieren, m├Âgen die Schmerzen zwar vorhanden sein, aber es gibt kein Leid mehr.

So gibt es in den Religionen auf verschiedenen Ebenen unterschiedliche Mittel, die man anwenden kann, um dem Leiden zu begegnen, es zu verringern oder zu nutzen und letztendlich v├Âllig frei davon zu werden.

Christian Licht