Eine Idee vom Buddha in uns

Abschluss der Unterweisungen von Khenpo Tamphel zum Uttaratantra

Ein bisschen Ausdauer ben├Âtigt man schon, wenn man ausf├╝hrliche Unterweisungen zu einem der klassischen buddhistischen Texte vollst├Ąndig erhalten m├Âchte. Die meisten Teilnehmer der Seminare zum Uttaratantra waren aber von Anfang an dabei, auch wenn nicht jeder bei allen Sitzungen anwesend sein konnte. ├ťber drei Jahre hinweg erkl├Ąrte Khenpo Tamphel jeweils acht bis zehn Tage lang diesen tiefgr├╝ndigen Text in 404 Strophen, der urspr├╝nglich von Maitreya an Asanga gelehrt wurde.

Nicht zuletzt das exzellente Englisch von Khenpo Tamphel, der h├Ąufig auch f├╝r S.H. Drikung Kyabg├Ân Chetsang Rinpoche oder andere hohe Rinpoches als Englischdolmetscher gefragt ist, machte es leichter, den Ausf├╝hrungen zu folgen. Zudem w├Ąre eine ├ťbersetzung aus dem Tibetischen f├╝r so eine kleine Gruppe von Interessenten nicht zu finanzieren gewesen. So habe ich in den ersten beiden Jahren versucht, die tiefgr├╝ndigen Inhalte der Unterweisungen aus dem Englischen ins Deutsche zu ├╝bersetzen. Im dritten Jahr hatten wir das Gl├╝ck, dass Claude J├╝rgens, die seit fast drei Jahren Tibetisch in Indien studiert, bei uns war und ihre ersten Geh- bzw. Sprechversuche als Dolmetscherin machte. Und das in wirklich beeindruckender Weise. Jeder, der sich mal als Dolmetscher versucht hat, wei├č, wie anstrengend es ist, ├╝ber einen Zeitraum von mehreren Stunden die Konzentration zu halten. Man hat keine Pause, da man zun├Ąchst dem Lehrer zuh├Âren, dann die ├ťbersetzung formulieren und anschlie├čend der n├Ąchsten Unterweisung aufmerksam folgen muss.

Aus den Erfahrungen der ersten beiden Jahre hatten wir im dritten Jahr die zu besprechenden Strophen schon vorher ├╝bersetzt, wodurch es sowohl f├╝r die Dolmetscherin als auch f├╝r die Zuh├Ârer einfacher wurde, dem Text zu folgen. Es zeigte sich auch, dass die Vorab├╝bersetzung aus dem Englischen, die von Hawe Goertz erstellt wurde, bis auf wenige Punkte sehr gut mit den Unterweisungen ├╝bereinstimmte.

F├╝r die Teilnehmer der Seminare war es m├Âglich, die ├╝berarbeiteten Abschriften der m├╝ndlichen deutschen ├ťbersetzung der ersten beiden Jahre als Arbeitsunterlagen zu erhalten. T├Ąndsin Tsch├Âdr├Ân (Ani Elke) brachte den Text dann in eine gut lesbare Form und korrigierte Fehler und Fehlstellen in m├╝hevoller Kleinarbeit.

Die englischen Unterweisungen von Khenpo Tamphel werden von Annette Oberschelp abgeschrieben, so dass Khenpola sie selbst ├╝berarbeiten kann. Wenn diese umfangreiche Arbeit einmal abgeschlossen sein wird, w├Ąre zu ├╝berlegen, ob man sie als Grundlage f├╝r eine deutsche ├ťbersetzung nehmen k├Ânnte, wobei man die Abschriften der deutschen ├ťbersetzung hinzuziehen k├Ânnte und die Wurzelverse besser direkt aus dem Tibetischen neu zu ├╝bersetzen w├Ąren. Das ist aber alles noch Zukunftsmusik und wird viel Zeit qualifizierter ├ťbersetzer erfordern.

Auf den Inhalt des Uttaratantra werde ich an dieser Stelle nicht im Einzelnen eingehen, da wir in den letzten Jahren schon einige Artikel dazu ver├Âffentlicht haben. Mein Eindruck ist aber, dass man durch das ausf├╝hrliche Studium des Uttaratantra eine andere Sichtweise der Praxis bekommen hat. So wie Khenpo Tamphel es auch sagte, versteht man Buddha, Dharma und Sangha nicht als ├Ąu├čere Objekte, sondern begreift sie als etwas, das mit dem eigenen Geist verbunden ist. Es ist eine sehr wichtige ├ťbung, sich immer wieder bewusst zu machen, dass wir Buddha-Natur besitzen und uns “nur” unsere Verschleierungen, unser Karma und unsere Kleshas daran hindern, dass sich dieses vorhandene Potenzial mit allen unersch├Âpflichen Qualit├Ąten voll entfalten kann. Es lohnt sich also, mit dem Reinigen zu beginnen bzw. weiterzumachen. Entsprechende Methoden gibt es im tibetischen Buddhismus zum Gl├╝ck viele.

Christian Licht
aus Rundbrief 3/2009