Die Drikung Kagy├╝ Linie

Tilopa

Tilopa

Im 6. Jhdt. wurden die Lehren des Vajrayana erstmalig von Indien nach Tibet gebracht und dort in die tibetische Sprache ├╝bersetzt. Durch vollkommenes Verstehen, Betrachten und Meditieren ├╝ber die kostbaren Lehren entwickelten zahllose Heilige und Yogis die Verwirklichung. Im Laufe der Jahrhunderte erbl├╝hte so die buddhistische Lehre im Land des Schnees und weitere ├ťbertragungen kamen nach Tibet. Auf dieser Grundlage entwickelte sich die spezielle Auspr├Ągung des Tibetischen Buddhismus, indem kulturelle Besonderheiten und Aspekte in die Methoden integriert wurden. Im Laufe der Zeit entstanden vier gro├če ├ťbertragungslinien: Nyingma, Kagy├╝, Sakya und Gelug.

Die Kagy├╝-Linie geht auf den ber├╝hmten indischen Heiligen Tilopa zur├╝ck, der von Vajradhara (tib. Dorje Chang), dem Dharmakaya-Buddha, die direkte ├ťbertragung aller Sutras und Tantras erhielt. Er erhielt ebenfalls die Belehrungen ├╝ber Mahamudra und zahlreiche andere Lehren von Arya Nagarjuna und anderen buddhistischen Meistern.

Der Hauptsch├╝ler von Tilopa war der Gelehrte Naropa (1016-1100), das Oberhaupt der bedeutenden und weithin bekannten Universit├Ąt Nalanda. Der Gelehrte Naropa bestimmte Marpa, den ├ťbersetzer (1012-1097), zu seinem Vajra-Regenten in Tibet und sagte voraus, dass sich die Mahamudra-Lehren in der kommenden Zeit bedeutend entfalten w├╝rden. Marpa machte ausgedehnte Reisen, um viele wichtige Unterweisungen nach Tibet zu bringen. Der wichtigste Sch├╝ler des Heiligen Marpa war Milarepa (1052-1135), der als der gr├Â├čte Yogi Tibets bekannt ist und dessen Lebens┬şgeschichte auch heute noch vielfach erz├Ąhlt und gelesen wird.

Jets├╝n Milarepas Hauptsch├╝ler war Gampopa (1079-1153). Gampopa fasste drei gro├če Linien ÔÇô die Nagarjuna-Linie (die Linie der tiefen Einsicht), die Asanga-Linie (die Linie der allumfassenden Handlung) und die Tilopa-Linie (die segensreiche Linie der Meditation) ÔÇô in der Linie der Dhagpo-Kagy├╝ zusammen. Von Gampopa ausgehend entwickelten sich vier weitere Kagy├╝-Linien. Aus der sehr gro├čen Anzahl seiner Sch├╝ler erhielt Phagdru Dorje Gyalpo (1110-1170) alle Lehren des Buddha von verschiedenen Lehrern in Tibet, die in acht weiteren Kagy├╝-Linien, darunter die Linie der Drikung-Kagy├╝, weiter vermittelt wurden.

Jigten Sumgon

Kyobpa Jigten Sumg├Ân

Unter seinen zahlreichen Sch├╝lern war der bedeutendste Kyobpa Jigten Sumg├Ân Ratnashri, allgemein bekannt als “Drikung Kyobpa” (1143-1217). In vielen Sutras und Tantras finden sich Prophezeiungen ├╝ber das Erscheinen von Kyobpa Jigten Sumg├Ân und er wird als Wiederverk├Ârperung von Nagarjuna angesehen. Er erhielt von vielen bedeutenden Lehrern die Mahamudra- und Kadampa-Lehren. Im Alter von 25 Jahren traf er seinen Guru Phagmo Drupa in Zentraltibet und erhielt alle Unterweisungen der Sutras und Tantras und wurde zu seinem Vajra-Regenten.

Nach siebenj├Ąhriger Meditation in der Echung-H├Âhle in Zentraltibet erlangte Ratnashri im Alter von 35 Jahren Erleuchtung. Sein Ruhm verbreitete sich in ganz Tibet. Im Alter von 37 Jahren errichtete er seinen Hauptsitz in Drikung Thil.

Kyobpa Jigten Sumg├Ân hatte zahlreiche Sch├╝ler, von denen er viele an die drei heiligen Pl├Ątze ÔÇô den Berg Kailash, Lachi und Tsari ÔÇô und an andere einsame Pl├Ątze sandte. Jigten Sumg├Ân betonte die umfassende Bedeutung der ethischen Disziplin und des Bodhicitta als Schl├╝sselfaktoren, die die Wesen zur Erlangung der Buddhaschaft bef├Ąhigen. In seinem 75. Lebensjahr erreichte er das Mahaparinirvana.

Viele Jahre sind seit der Zeit der Aufzeichnung verstrichen, als der Hauptsitz der Drikung-Kagy├╝ errichtet wurde. Seither gab es 37 aufeinanderfolgende Linienhalter, die die goldene Kette der Drikung-Kagy├╝-├ťbertragung bilden. Heute f├╝hren die beiden Oberh├Ąupter Seine Heiligkeit, der Drikung Kyabg├Ân Chetsang und Seine Heiligkeit, der Drikung Kyabg├Ân Chuntsang die Linie. Jeder dieser inspirierenden Meister war eine Manifestation der Buddhas und Bodhisattvas. Durch angemessenes Verstehen, Betrachten und Meditieren in ├ťbereinstimmung mit den in den Sutras und Tantras enthaltenen Lehren verbreiten sich allumfassende Segnungen zum Wohle aller f├╝hlenden Wesen.

Das Stamm-Kloster Drikung Thil

Drikung Thil

Drikung Thil

Drikung Thil liegt etwa 100 km ├Âstlich von Lhasa an einem Felshang am Ende eines langes Tales, das von der letzten scharfen Biegung des Flusses Kyichu ausgeht, bevor dieser nach Lhasa hinunterflie├čt. Man kann sich dem Kloster von zwei Richtungen n├Ąhern: flussaufw├Ąrts von Lhasa, flussabw├Ąrts von Lhundrup. Bei der Stadt Drikung Chu verl├Ąsst man das Flusstal und folgt der Stra├če im Seitental, bis auf der linken Seite das Kloster auftaucht.

Schon 1167 wurde an dieser Stelle ein kleines Kloster gegr├╝ndet, das aber erst 1179 durch Kyobpa Jigten Sumg├Ân als Zentrum der Drikung-Kagy├╝-Linie eingeweiht wurde. Das Kloster, dass unter dem Namen Drikung Thil bekannt wurde, wuchs rasch an Ansehen und Gr├Â├če und wurde sp├Ąter f├╝r die Ausbildung der M├Ânche sehr ber├╝hmt.

Von den umfangreichen Zerst├Ârungen der Kulturrevolution hat sich das Kloster gut erholt. Mehrere Geb├Ąude wurden vollst├Ąndig renoviert, so dass inzwischen wieder eine gr├Â├čere Anzahl von M├Ânchen dort leben kann, von denen sich einige auch in ein l├Ąngeres Retreat auf dem Berggipfel zur├╝ckziehen.

Die gro├če Versammlungshalle befindet sich auf einem gro├čen Geb├Ąude, das direkt aus dem Felsen herausw├Ąchst. Das Hauptbildnis stellt Kyobpa Jigten Sumg├Ân, den Gr├╝nder der Drikung-Kagy├╝-Linie, dar. Darunter befindet sich auf einem Felsst├╝ck ein Fu├čabdruck von ihm, rechts davon ein kleiner Stupa mit seinen sterblichen Resten. Neben anderen Statuen sieht man auf zwei hohen Thronen die Gew├Ąnder und roten H├╝te der zwei Linienhalter.

Weiter oben am Berg befindet sich eine kleine Sch├╝tzerkapelle, die der Besch├╝tzerin der Drikung-Linie, Achi Ch├Âkyi D├Âlma gewidmet ist.

Das Nonnenkloster Tidrom

Kurz vor dem Kloster Drikung f├╝hrt ein kleines Seitental nach links. Das Nonnenkloster Tidrom wurde an einer Stelle erbaut, an der fr├╝her Yeshe Tsogyal in einer H├Âhle meditiert hatte. Es liegt an einer Stelle, an der sich das Tal ├╝ber einige hei├če Quellen in zwei T├Ąler teilt. Nachdem auch hier die Geb├Ąude renoviert wurden, k├Ânnen dort heute wieder Nonnen leben.

Die Drikung-Linie heute

Songtsen Library

Die Songtsen Library

Durch die Vertreibung vieler Tibeter aus Tibet entstanden in Nepal und Indien neue Siedlungen und Kl├Âster, in denen die buddhistische Lehre weiter erhalten und praktiziert wird. Das erste Drikung-Kloster wurde von S.E. Ch├Âje Ayang Rinpoche in Bylakuppe, S├╝dindien gegr├╝ndet und 1980 offiziell eingeweiht.

S.H. Drikung Kyabg├Ân Chetsang, der zun├Ąchst noch in Tibet lebte, suchte nach seiner Flucht zun├Ąchst seine Eltern in den USA auf, bevor er 1978 den zahlreichen Anfragen seiner Anh├Ąnger aus Ladakh und Indien folgte und wieder nach Indien zur├╝ckkehrte. Nach Jahren intensiver Meditation gr├╝ndete er das Drikung Kagy├╝ Institut mit dem Kloster Jangchub Ling in Dehra Dun, das 1992 er├Âffnet wurde und seither weiter gewachsen ist. Inzwischen gibt es innerhalb des Institutes das Nonnenkloster Samtenling und die Songtsen Library als internationale Bibliothek zur Bewahrung und Verf├╝gbarmachung buddhistischer Schriften sowie das Kagy├╝ College, das der philosophischen Ausbildung der M├Ânche und Nonnen dient. In der N├Ąhe von Almora, einem Ort in den Himalaya-Ausl├Ąufern, wird ein fr├╝her von Lama Govinda bewohntes St├╝ck Land f├╝r mehrj├Ąhrige Retreats verwendet.

Au├čerdem werden die ├ťbertragungen der Linie durch die Drikung-Kl├Âster, die in Ladakh sehr verbreitet sind, lebendig gehalten. Insbesondere die drei gro├čen Kl├Âster in Lamayuru, Phyang und Shachukhul ├╝bernehmen traditionell diese Aufgabe.

Inzwischen gibt es weitere Kl├Âster und Zentren in Indien und Nepal, von denen Drikung Ogmin Thubten Shedrub Ling in Tsopema, das an einem besonderen Platz von Padmasambhava (Guru Rinpoche) liegt, erw├Ąhnt werden soll. Das Kloster wurde von Ontul Rinpoche gegr├╝ndet, der als eine Emanation einer der 25 Haupt-Sch├╝ler von Padmasambhava angesehen wird. Die Drikung-Linie enth├Ąlt eine ├ťbertragung der Dzogchen-Lehren, die auf Guru Rinpoche zur├╝ckgeht und im 16. Jahrhundert durch den Drikung Tert├Ân Rinchen Ph├╝ntsog (den 17. Linienhalter der Drikung-Linie und einen Terma-Entdecker) in die Drikung-Tradition aufgenommen wurden und neben den Mahamudra-Lehren bis heute ├╝berliefert werden.

Unter der Leitung von Drubp├Ân Sonam Jorphel entstand im nepalesischen┬á Balambu ein M├Ânchskloster und im ladakhischen Bodhkarbu ein Nonnenkloster, wo ebenfalls eine Reihe von M├Ânchen und Nonnen ausgebildet werden. So entstehen an verschiedenen neuen und alten Pl├Ątzen Kl├Âster und Retreatzentren, die wieder bessere Ausbildungsm├Âglichkeiten bieten und von M├Ânchen, Nonnen und Praktizierenden genutzt werden. Sogar an den heiligen Pl├Ątzen Kailash, Lachi und Tsari gibt es wieder Praktizierende, die die Tradition Kyobpa Jigten Sumg├Âns weiterf├╝hren.

Auch in Tibet befinden sich die Kl├Âster durch finanzielle Unterst├╝tzung aus dem Ausland im Aufbau und werden von den im Exil lebenden Lehrern und ihren Sch├╝lern gef├Ârdert. Leider l├Ąsst die chinesische Besatzung nur sehr eingeschr├Ąnkt eine weitere Entwicklung zu.

Die tibetischen Lehrer wurden auch von westlichen Sch├╝lern eingeladen und inzwischen gibt es in vielen westlichen und ├Âstlichen L├Ąndern buddhistische Zentren der Drikung-Tradition und Projekte, die diese kostbare Lehre erhalten und weitergeben. Noch k├Ânnen einige der ├Ąlteren Lehrer, die in Tibet studiert und praktiziert haben, in die ganze Welt reisen, um die Praktizierenden zu betreuen. Aber auch in der jungen Generation wachsen langsam neue Lehrer heran, die ├╝ber eine gute Ausbildung und z.T. auch ├╝ber Retreat-Erfahrungen verf├╝gen und somit die zahlreichen Aufgaben in den Kl├Âstern und Zentren ├╝bernehmen werden.

Chetsang

S.H. Drikung Kyabg├Ân Chetsang

Dabei achtet S.H., der Drikung Kyabg├Ân Chetsang darauf, dass neben der traditionellen Ausbildung ein Austausch mit anderen Kulturen stattfindet. Seine weite Sicht und weltweiten Kontakte erm├Âglichen Forschungsprojekte in Bezug auf die ├ťberlieferung von Texten, Sammlungen von Abbildungen, Weiterf├╝hren von Handwerk (z.B. Herstellung von Statuen und Ritualgegenst├Ąnden), um nur einige seiner Aktivit├Ąten zu nennen. Ebenso arbeiten andere Meister der Linie und viele Sch├╝ler und Sponsoren daran, die kostbare ├ťbertragung der Linie zu erhalten und in vielen L├Ąndern auf der ganzen Welt zu etablieren.

In Deutschland gibt es derzeit sechs aktive Drikung-Zentren und ab Herbst ein Retreat-Zentrum in der L├╝neburger Heide (Er├Âffnungsprogramm siehe S. 48). Weitere Zentren gibt es in verschiedenen europ├Ąischen (auch osteurop├Ąischen), asiatischen und amerikanischen L├Ąndern sowie in Australien.

M├Âge die segensreiche Linie vielen Nutzen bringen.