Das H├Âchste Yogatantra im Vajrayana

Auszug aus den Unterweisungen von S.E. Ontul Rinpoche1

Wenn man das höchste Yogatantra praktiziert und sich dabei als Gottheit visualisiert, um höchste und allgemeine Verwirklichungen (Skrt. Siddhis) zu erlangen, ist dies der Pfad des Vajrayana, der aus der Erzeugungsstufe (tib. Kyerim) und der Vollendungsstufe (tib. Dzogrim) besteht. Um auf diesem Pfad voranschreiten zu können, ist es wichtig, dass man zuerst die essenziellen Punkte und Grundlagen des Vajrayana kennt.

Die Reinigung des Geistes

Wenn wir die Erzeugungsstufe praktizieren, findet zunächst eine Reinigung statt. Dazu gibt es eine Basis dessen, was zu reinigen ist. Die Basis ist Tathagatagarba, die Buddha-Natur. Sie ist die Essenz der Buddhas, die in allen Wesen vorhanden ist und die die Qualitäten aller Buddhas umfasst. Die Qualitäten der Buddhas sind z.B. die zehn Kräfte und die vier Furcht­losigkeiten, die man erlangt, wenn man die Buddhaschaft verwirklicht. Es heißt in vielen Texten und Kommentaren, dass die Buddha-Natur alle Wesen durchdringt. Daher heißt es auch, dass alle Wesen Buddhas sind. Alle haben die Buddha-Natur. Diese Buddha-Natur ist aber durch zeitweilige Verschleierungen verdeckt. Wenn diese Verschleierungen beseitigt sind, sind die Wesen tatsächlich Buddhas.

Das, was die Buddha-Natur verdeckt und beseitigt werden muss, ist die Unwissenheit. Unwissenheit bedeutet, dass die Dinge nicht in der Art und Weise existieren, wie man sie wahrnimmt. Obwohl man die wahre Existenz auf der Seite der Objekte nicht findet, hält man trotzdem daran fest und benennt alles, was erscheint. Es ist also diese alles benennende Unwissenheit, die man beseitigen muss. Sie umfasst das Greifen nach Subjekt und Objekt sowie die weiteren Täuschungen, die aus dieser Sichtweise entstehen. Diese unter dem Einfluss der Unwissenheit entstandenen Verschleierungen und die damit verbundenen Leid bringenden Emotionen müssen beseitigt werden.

Das Reinigende sind die geschickten Mittel des Vajrayana. Von diesem heißt es, dass es sehr viele Methoden umfasst, ohne dass man besonders asketische oder schwierige Praktiken ausüben muss. Es ist für Wesen mit sehr scharfem Verstand und großer Intelligenz geeignet und kann daher als das höchste Fahrzeug bezeichnet werden. Die Hauptpraxis im Vajrayana besteht aus der Erzeugungsstufe, der Vollendungsstufe und der Stufe der Einheit oder Ununterscheidbarkeit.

So haben wir

  • die Basis der Reinigung (die Buddha-Natur),
  • das, was bereinigt werden muss (die Unwissenheit) und
  • das Reinigende (die Methoden des Vajrayana).

Das Resultat dieser Reinigung tritt ein, wenn man den Pfad anwendet. Wenn man den Pfad in seinem Bewusstsein erzeugt hat und sich darin übt, werden durch diese Kraft die temporären Verschleierungen gereinigt und der vollkommen reine Dharmakaya, der unsere Natur ist, wird manifest. Das ist das Resultat der Reinigung.

Die drei Fahrzeuge

Man unterscheidet (1) das allgemeine Fahrzeug (2) das Fahrzeug der Ursachen und (3) das Fahrzeug des Resultats. Das allgemeine Fahrzeug bezieht sich auf das Hinayana. Dieses ist die Basis für alle anderen Fahrzeuge. Das Fahrzeug der Ursachen (Sutrayana) umfasst die Lehren des Hinayana und Mahayana. Auf dieser Grundlage aufbauend werden die Erklärungen des Fahrzeugs des Resultates (Vajrayana) gegeben.

Für jedes dieser Fahrzeuge gibt es drei Punkte, die erklärt werden:

  • die Basis,
  • der Pfad und
  • die Frucht (das Resultat).

Was man im Vajrayana unbedingt benötigt, ist die Praxis der Erzeugungsstufe und der Vollendungsstufe. In der Erzeugungsstufe geht es darum, dass wir über eine Gottheit (Skrt. Deva, tib. Yidam) meditieren, d.h. dass wir die Gottheit hervorbringen und uns selbst als die Gottheit meditieren, d.h. wir stellen uns vor, dass wir die Gottheit sind. Diese Vorstellung der Gottheit ist natürlich auch noch Denken, aber es ist ein heilsames, besonderes Denken.

Die Motivation des Mahayana

Um auf dem Pfad des Vajrayana voranschreiten zu können, ist es wichtig, dass wir die Absicht oder Motivation des Mahayana in unserem Geistes­kontinuum hervorgebracht haben. Es geht darum, dass man für alle Wesen Liebe und Mitgefühl entwickelt hat. Das bedeutet, dass wir zuerst den Erleuchtungsgeist (Skrt. Bodhicitta) entwickeln müssen. Wenn wir kein Bodhicitta entwickelt haben, können wir noch so viele Gottheiten meditieren, es wird uns keinen Schritt näher zur Erleuchtung bringen.

Wenn man durch ein entsprechendes Ritual die Zuflucht und die Bodhisattva-Gelübde genommen hat und Bodhicitta in seinem Geist entwickelt hat, kann man eine tantrische Ermächtigung (Einweihung) nehmen. Bei einer solchen Ermächtigung wird man in ein Mandala eingeführt und erhält die Einweihung, die einen zur Reife bringt. Diese zur Reife bringende Einweihung ist sehr wichtig.

Während dieser Einweihung erhält man drei Arten von Gelübden:

  • die Pratimoksha-Gelübde
  • die Bodhisattva-Gelübde
  • die Vajrayana-Samayas

Es gibt im Vajrayana sehr viele Samayas wie die 14 Haupt-Samayas und viele Neben-Samayas. Sie schützen uns vor Handlungen, die unsere Entwicklung stören oder behindern.

Die Grundlagen

  • die vier Kontemplationen, die den Geist zum Dharma wenden,
  • der Entschluss, sich aus Samsara zu befreien,
  • die Zufluchtnahme mit einer Beschreibung der Zufluchtsobjekte und
  • das Entwickeln von Bodhicitta.

Um in ein Mandala des Vajrayana eintreten zu können, braucht man als Erstes den festen Entschluss, sich aus Samsara zu befreien. Darauf aufbauend benötigt man eine stabile Zuflucht. Man muss verstehen, worum es bei der Zuflucht geht und diese dann entsprechend praktizieren. Als nächste Schritte folgen das Nehmen der Bodhisattva-Gelübde und die Entwicklung von Bodhicitta.

In den Ausführungen von S.E. Ontul Rinpoche folgen ausführliche Erklärungen zu den Grundlagen sowie zu den Vorbereitungen, dem Hauptteil und dem Abschluss der Praxis:

Die Vorbereitungen

Die Erklärungen zu den Vorbereitungen beinhalten:

Das Beseitigen von Hindernissen:

  • Darbringung des Torma zur Beseitigung von Hindernissen (tib. Gegtor)
  • Erstellen des Schutzkreises

Das Erzeugen positiver Umstände:

  • Herabregnen des Segens
  • Segnen der Gaben

Die äußeren Gaben sind die fünf göttlichen Gaben, die man darbringt: Blumen, Räucherwerk, Lampen, Duftwasser und köstlichste Speisen.

Die inneren Gaben sind unsere fünf Sinne: der Sehsinn, der Gehörsinn, der Geruchssinn, der Geschmackssinn und der Tastsinn.

Die spezifischen Gaben sind die Darbringung von Medizin, Rakta und Nektar.

Die Hauptteil

Die eigentliche Praxis der Gottheit kann sehr ausführlich sein oder sehr kurz, aber diese drei Konzentrationen müssen immer vorhanden sein.

Das Hervorbringen des Körpers als Mudra (Gottheit):

  • Die Konzentration der Soheit (mit Erklärungen zur Auflösung der Elemente und zum klaren Licht)
  • Die alles-in-Erscheinung-bringende Konzentration
  • Die Konzentration der Ursache (die Erzeugungsstufe)

Wir wandern ununterbrochen in den Bereichen des Samsara umher. Wir werden wiedergeboren, sterben, gehen in den Zwischenzustand ein, werden wiedergeboren, usw. Man spricht dabei von verschiedenen Zwischenzuständen (tib. Bardo), aber auf jeden Fall ist alles immer wieder Geburt, Tod, und Zwischenzustand. Die drei Konzentrationen sind das, was die Wiedergeburt, den Tod und den Zwischenzustand reinigt. Durch die Erzeugungsstufe reinigen wir unsere Anhaftung an die Erscheinungen von Samsara.

Das Erzeugen des göttlichen Palastes umfasst Erklärungen zum Sitz der Gottheit und dem Erzeugen der Gottheit im Palast. Hier werden auch die Merkmale und Attribute der Gottheiten beschrieben und ihre Bedeutung erklärt. Dann folgt das Erhalten des Segens der Weisheitswesen, das Erhalten der Einweihung und das Darbringen von Gaben.

Nach der Darbringung des Lobpreises folgt die Rezitation des Mantra mit der Visualisierung der Aktivitäten der Gottheit.

Danach folgt die vollendende Phase der Meditation mit der Auflösung und der objektfreien Meditation. Mit dieser Stufe nähern wir uns der Meditation der Mahamudra.

Der Abschluss

Die Praxis wird mit abschließenden Übungen, Wunsch- und Widmungs­gebeten vollendet.

Anmerkungen

Durch eine entsprechende Ermächtigung (Einweihung) zur Praxis einer Gottheit können wir uns mit der Gottheit identifizieren und werden eins mit ihr, so dass die gewöhnlichen Vorstellungen im Geist gereinigt werden. Es heißt, dass der Deva (Skrt., tib. Yidam, die Meditationsgottheit) eine besondere Bedeutung hat und für den Praktizierenden zur Erleuchtung führen kann, indem er untrennbar mit ihm verbunden ist. Wenn wir diese Gott­heiten visualisieren und uns ihre Qualitäten vergegenwärtigen, sollen wir sie uns aber nicht einfach nur vorstellen, sondern wir realisieren etwas, was schon immer existiert hat. Daher führt diese Methode zum vollständigen Erwachen des Geistes und zur Buddhaschaft.2

Zu allen Stufen der Praxis gibt es allgemeine Erklärungen sowie spezielle Erklärungen, die im Zusammenhang mit einer bestimmten Gottheit gegeben werden. Es gibt zahlreiche Kommentare großer Meister, in denen die verschiedenen Punkte beschrieben werden. Die Erklärungen, die von S.E. Ontul Rinpoche gegeben werden, beschreiben die essenziellen Punkte, die in einer Vajrayana-Praxis wichtig sind. S.E. Ontul Rinpoche gehört zu den Lehrern mit sehr viel eigenen Erfahrungen, sodass er die Inhalte nicht nur theoretisch, sondern auch aus der Sicht der praktischen Anwendung darstellen kann. Indem wir immer wieder verschiedene Kommentare und Unterweisungen kennenlernen, werden wir nach und nach mit der Bedeutung der einzelnen Elemente der Praxis, den Symbolen und Ritualen vertraut und gewinnen eine stärkere Motivation, diese Methoden wirklich anzuwenden. Wir danken Rinpoche sehr für seine Bereitschaft, uns an seinem Wissen und seinen Erfahrungen teilhaben zu lassen und in dieser Ausführlichkeit auf unsere Bedürfnisse einzugehen.

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1 Auszug aus den Unterweisungen, wie sie von S.E. Ontul Rinpoche 2008 in Drikung Sherab Migched Ling gegeben wurden. Sie wurden transkribiert und werden noch bearbeitet, um als Seminarunterlagen zur Verfügung zu stehen.

2 Aus: Auf der Suche nach dem Reinen Nektar des langen Lebens – Grundlagen des Buddhismus, DKV Aachen