Buch-Tipp: Garchen Rinpoche – Der Weg zu geistigem Frieden

Neu in der Edition Garchen Stiftung

Der Weg zu geistigem Frieden –
Die 37 Übungen der Bodhisattvas
von Thogme Sangpo
Mit den Unterweisungen von Garchen Rinpoche

Aus dem Tibetischen von Könchog Yeshe Metog

Edition Garchen Stiftung, MĂŒnchen 2022
218 Seiten, Broschur, 14,5 x 22 cm
ISBN 978-3-945457-49-8

21,90€

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„Ich lege allen meinen SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern ans Herz, die Bedeutung der 37 Übungen der Bodhisattvas zu studieren und darĂŒber nachzudenken. Seht diesen Text als meinen Stellvertreter. Dies ist der wichtigste Herzensrat, den ich meinen SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern mitgebe. Wenn ihr es schafft, euer Handeln mit den 37 Übungen der Bodhisattvas abzustimmen und nie davon abzuweichen, so wird dies von großem Nutzen sein – fĂŒr euch persönlich ebenso wie fĂŒr alle fĂŒhlenden Wesen.“

Obige Aussage von Garchen Rinpoche zeigt, welche Bedeutung ein großer, buddhistischer Lehrer diesem kurzen Text beimisst. Er hat „Die 37 Übungen der Bodhisattvas“ eigens als kleine BroschĂŒre von nur halber PostkartengrĂ¶ĂŸe herausgegeben und verschenkt sie bei vielen Gelegenheiten. Die 37 Übungen sind, wie er einmal bei einer Zufluchtszeremonie sagte, wie eine Art Reisepass fĂŒr die höheren Bereiche und fĂŒr das reine Gefilde von Buddha Amitabha, Sukhavati, wie auch fĂŒr die dort einzuhaltenden Regeln.
Durch die Praxis dieser Geistesschulung gelang es Garchen Rinpoche wĂ€hrend der 20 Jahre in chinesischer Gefangenschaft, seine Peiniger ins Herz zu schließen. Die Unterweisungen, die Garchen Rinpoche in vielen Jahrzehnten gegeben hat, sind durchdrungen von der Verwirklichung dieser Praxis. „Die 37 Übungen der Bodhisattvas“ sind ein enger Wegbegleiter und wichtiger Schatz fĂŒr ihn geworden.
Verfasst wurde der kurze Text im 14. Jahrhundert von Thogme Sangpo (1295–1369), einem Lamrim- und Lojong-Meister in der Tradition des indischen Meisters Atisha (982–1054). Thogme Sangpos Werk ist die Essenz des Lojong – der Geistesschulung, die zur Entwicklung und vollkommenen Entfaltung von MitgefĂŒhl und Bodhicitta fĂŒhrt.

In der Edition Garchen Stiftung ist nun eine Ausgabe erschienen, die „Die 37 Übungen der Bodhisattvas“ mit den Unterweisungen, die Garchen Rinpoche im September 2010 in MĂŒnchen zu dem Text gegeben hat, verbindet.

Die 37 Übungen wurden auch mit einer Landkarte verglichen, weil sie die verschiedenen Entwicklungsstufen bis hin zur Buddhaschaft enthalten. Wie sieht die Landschaft aus, in der wir uns mit dieser Karte orientieren sollen? Da gibt es zunĂ€chst die Ebenen und die gemĂ€ĂŸigten Klimazonen. Sicherlich spielt sich der grĂ¶ĂŸere Teil unseres Alltags in diesen gemĂ€ĂŸigten Regionen ab.
Aber es gibt auch ganz steile WĂ€nde und ÜbergĂ€nge. Und bei einigen der Bodhisattva-Übungen ĂŒberfĂ€llt einen tatsĂ€chlich das GefĂŒhl: Das geht hier so steil rauf oder runter. Das bewĂ€ltigt doch kein ‚normaler Mensch‘:

13. Selbst wenn uns jemand den Kopf abschlĂ€gt, obwohl wir nicht das Geringste falsch gemacht haben, nehmen wir seine schĂ€dlichen Handlungen mit der Kraft von MitgefĂŒhl an. Das ist die Übung der Bodhisattvas.

Aber was wĂ€re denn ein ‚normaler Mensch‘ aus der Sicht der 37 Übungen, kann man – der Probe halber – umgekehrt fragen? Zum Beispiel aus der Sicht von Nummer 13. ‚Normal‘ ist eben jemand, der nicht fĂŒr alle MitgefĂŒhl besitzt. Und jeder kennt Beispiele von Menschen, die nun wirklich kein MitgefĂŒhl verdienen – angesichts dessen, was sie anstellen und anderen antun. Oder?
Zur Not kann man sich gegenĂŒber solchen Menschen ethisch korrekt verhalten. Denn die eigenen Handlungen kann man willentlich steuern. Aber GefĂŒhle kann man nicht so ohne weiteres willentlich hervorbringen, es sei denn, man spiegelt (den anderen und vielleicht auch sich selbst) etwas vor. Aber echtes, von Herzen kommendes MitgefĂŒhl 
 wie soll das gehen?
Die Schroffheit, die manche der 37 Aussagen deshalb haben, lĂ€sst einen leicht denken: Das geht doch alles gar nicht, das schaffe ich nie. Der unkommentierte Text konfrontiert einen sozusagen mit dem unverdĂŒnnten, unvermischten Bodhisattva-Geist oder Bodhicitta. Auch bleibt der innere Zusammenhang der 37 Aussagen schwer erkennbar, wenn man nicht schon einige Kenntnisse des Buddhismus mitbringt.

In seiner ErlĂ€uterung des Titels sagt Garchen Rinpoche: „Die 37 Übungen der Bodhisattvas enthalten alle Stufen des Pfades. Wie können in diesen 37 Punkten die gesamten buddhistischen Lehren vollstĂ€ndig enthalten sein? Dies beruht auf der einen gemeinsamen Wurzel aller Lehren. [
] nĂ€mlich Bodhicitta. Unter der Voraussetzung, dass wir diese Geisteshaltung verinnerlicht haben, tragen wir die buddhistischen Lehren in uns.“ (S. 36)
Hat man aber den SchlĂŒssel fĂŒr den Aufbau des Textes, so erkennt man, wie die Übersetzerin Könchog Yeshe Metog schreibt, dass die 37 Übungen „den gesamten Bodhisattva-Pfad klar und einfach zusammen[fassen], angefangen bei den Grundlagen ĂŒber das Hervorbringen und die Praxis von Bodhicitta einschließlich der sechs Vollkommenheiten bis hin zur Widmung.“ (S. 11)
Garchen Rinpoche selbst hat schon als kleiner Junge, im Alter von etwa 10 Jahren, die 37 Übungen der Bodhisattvas von Lama Chime Dorje zur tĂ€glichen Rezitation ĂŒbertragen bekommen. In der Biographie ĂŒber die frĂŒhen Jahre von Garchen Rinpoche (Sue-Sue, The Lama of Many Lifetimes – 1958-1980) wird eindrĂŒcklich beschrieben, welchen Wert der Text fĂŒr Lama Chime Dorje und auch fĂŒr Garchen Rinpoche besaß, und welche Zweifel ihn anfĂ€nglich plagten, diese Lehren in die Praxis umsetzen zu können.
Die Kommentare, durch die Garchen Rinpoche in dieser neuen Ausgabe die einzelnen Bodhisattva-Übungen erlĂ€utert, beruhen also auf einer Erfahrung und intensiven Praxis von vielen Jahrzehnten sowie auf einer umfassenden Kenntnis der buddhistischen Lehre. Und beides, Praxiserfahrung und tiefe Kenntnis der Lehre, fließt in die Kommentare ein.

Das kleine Heft fĂŒr die Westentasche und das umfangreichere Buch ergĂ€nzen sich deshalb sehr gut. Hat man die Kommentare gelesen, sprechen einen die kurzen Aussagen wieder auf eine neue Weise an. Die Kommentare klingen im Hintergrund, auch wenn man nur die Pocketversion zur VerfĂŒgung hat. Und manches Schroffe und Unmögliche erscheint in einem anderen Licht.

Rolf Blume